Mirror of the Day

Ins Höschen geschaut ... oder: Unterm Schottenrock, da war nichts

Michelle und

Geneigte/r LeserIn,

nun mögen Sie sich gewiss schon gewundert haben, was denn wohl Grund und Anlaß meines langen Schweigens war. Nun denn, ich kann Ihnen versichern: Weder wurde ich durch schwere Krankheit niedergerungen, noch hatte es mir die Worte verschlagen anhand der allenthalben um sich greifenden Entblödungen, in denen unsere Zeitgenossen und Genossinnen sich tagtäglich zu übertreffen versuchen ...

Nein, Emma Wander hat Urlaub gemacht - von sich selbst und der Welt, die sich tatsächlich in aller Regel zu gewichtig nimmt, als dass es eine nicht hin und wieder einen Ischias kosten würde. Nerven verzehrend eben selbstverliebt, dreht sich die alte Kugel munter weiter, und täglich fliegen die Fetzen ins All ...

Nun also frisch erholt und stahlseil-nervengestärkt bin ich zurück - und stürze mich erneut ins Getümmel. Und siehe da, die Welt ist (doch) noch die Selbe ...
Dabei muss ich ja zugeben: Schon lange ist keine Wirtschaftsnews mir mehr einen Federstreich wert gewesen, und auch das Allgemeine, Feuilleton und Kultur bieten nur das, was hier schon immer ungewollt zu finden war: Einsichten in den menschlichen Abgrund.

Warum also nicht einmal Sport, dachte ich mir folglich neulich morgens, ausgerüstet mit knusperfrischen Croissants und heiß gebrühtem Milchkaffee angesichts der Berge uraubsverursacht-aufgelaufener Tagespresse. Und wie stets angesichts unüberschaubar gewordener Mengen unerledigter Arbeit griff ich zu meiner bewährten Methode: Einfach mitten hinein in den Haufen!  Das brachte zwar den eh schon an einer prekären Grenze verharrenden Stapel nun gänzlich zum Einsturz,  belohnte mich aber mit der Bestätigung einer meiner ungetrübtesten Lebensweisheiten: Auch schiere Masse macht aus einer simplen Fliege noch keine unumstößliche Tatsache. Und da Wiederholung das Credo meiner BerufsgenossInnen ist, konnte ich mir den nun meinen Fußboden mit eleganten schwarz-weißen Mustern zierenden Wortesalat auch ruhigen Herzens sparen. Es lebe das recyclen!

Meiner getroffenen Entscheidung treu begann ich also mit dem hinteren Teil meiner Pressebeute, denn zum Glück kommt der Sport ja bekanntermaßen immer zum Schluß, schön abgeteilt vom allen Bedeutsamkeiten der modernen Welt, ein Relikt an den Steinzeitmann eben und nichts für die aufgeklärten Herren von Welt. Pah, von wegen: Als Journalistin noch in Lohn und Brot, durfte ich regelmäßig beobachten, welchem Zeitungsteil die ungeteilte Aufmerksamkeit meiner Kollegen galt! Tja, im Sport, da ist die Welt eben noch in Ordnung ...

Aber ich schweife ab, was wohl noch eine Nachwehe des Urlaubs sein muss. Ach, den Geist einfach frei fliegen lassen ...

während ich mich noch den Erinnerungen an geistig ungebundene Wochen hingab, fiel mein Blick auf das Bild eines schwarzen Athleten. "Schöner Mann" dachte ich noch so im Nebenbei - was ich übrigens meistens denke, wenn ich Fotos dieser wild-eleganten Menschen zu Gesicht bekomme, die mich, wenn ich mich nicht vorsehe, unmittelbar in eine tiefe Sinnkrise stürzen: Warum denn nur meine Mutter sich nicht einen dunkelhäutigen Liebhaber an Land hatte ziehen können, dessen Genpool mich heute mit samtiger Haut, eleganter Stirn und unbändbarem Kraushaar versorgen würde - da las ich den Titel: Dieser Mann war mitnichten einer. Er war eine Frau. Und genau aus diesem Grund war er, oder vielmehr sie, eine Story wert:

Caster Semenya, 18-Jahre alte Südafrikanerin und ihres Zeichens Weltathletin, war besser als mann es den Damen zugestand. Und war deshalb in den Verdacht geraten, gar keine zu sein. Eine Frau natürlich.

Okay, ich musste zugeben - auch mich hatte er nicht verschont, dieser gender-verstellte Blick, mit dem wir so auf gewohnt-beschränkte Weise in die Welt schauen und selbige in zwei Hälften teilen: Hüben die Jungs mit Bart, Muckis und Macht, drüben die Mädels, blondiert, gewachst und auf dem Weg ins Verderben.

Dabei hätte ich es als alte Queer-Feministin eigentlich besser wissen müssen. Schließlich waren wir es, die als Erste nach den BHs unserer Mütter die langen Haare verbrannt, Fleischerhosen gefärbt und das Mundwinkelpiercing zum Statussymbol einer frei konstruierten Geschlechtlichkeit erhoben hatten. Wenn wir schon alles zu sein hatten, dann konnten wir auch Frauen sein, ohne wie solche aussehen zu müssen. Denn was macht eine Frau schon zur Frau?

Welche hätte gedacht, dass nun, knapp 20 Jahre nach Butler und Schwarzer die Frage, wann eine Frau denn eine Frau sei ungeahnt weltpolitische Bedeutung erlangen würde? Ich erhoffte mir Aufschluss durch den Artikel, der immerhin auf Seite 1 begann. Wollte eine von der Platzierung auf die Bedeutung schließen, so musste es hier wohl um mehr gehen als die uralte Frage, wo und wie viel Wurst eine/r so an welcher und zwar der richtigen Stelle zu haben hatte ...!

Doch tatsächlich kam es noch dicker; Selbst NACH Butler und Schwarzer hätten die meisten von uns wohl darauf getippt, dass der Frage, wessen Geschlecht denn eine nun angehört mit relativ simplen erkennungsdienstlichen Methoden hätte beigekommen werden können. Doch mitnichten! Da, wo vor Jahr und Tag ein simpler Blick in den Schlüpfer  (es soll ja sogar welche geben, die das am Schlüpfer selbst erkennen können!) gereicht hätte (okay, struppiger Busch  ((oh pardon, kein Busch - was die Sache ja eigentlich noch einfacher macht)); an Stelle von fleischigen Auswachsungen Faltig-Lippenreiches mit einer mittigen Öffnung, klassisch Muschi, Möse oder auch Vulva genannt ...: Juchhu, es ist ein Mädchen!) , tja, da liegt in Zeiten des Gender-Mainstreaming des Mädels Kern schon tiefer: Eine Frau heute ist noch längst keine mehr, wenn sie sich im bloßen Besitze primärer Geschlechtsmerkmale befindet. Ade also, du schnöde Biologie, welcome genetic happyness!

Irgendwie unverständlich bleibt indes, warum selbst ein genetischer Test heute nicht mehr als ausreichend anerkannt wird. Ist die genetische Vielfalt gestiegen? Haben sich – so über die Jahre gesehen – neben XX und XY noch ein paar Nebenrollen eingeschlichen in ewigen Drama um die biologische Vorherrschaft? Eine kleine Recherche sollte meine Unwissenheit beheben:

1860 erfand der „naturwissenschaftlich interessierten Augustinermönch„ Gregor Mendel die Mendel´schen Regeln, die später die Basis der sogenannten „Chromosomentheorie der Vererbung“ werden sollten: In den Zellkernen jedes biologischen Etwas gab es demnach eine Art universellem Strickmuster für alle Modelle. Und ob jemand als Eierhütchen, Teewärmer oder Designerschal auf die Welt käme, das läge einzig an Art und Anzahl der Basisbausteine, Chromosomen genannt. Oder einfacher gesprochen: Je nachdem, ob Stäbchen oder Masche wäre das Ergebnis ein Männchen (Stäbchen, logisch) oder Weibchen (Masche, what else?!).

Und wie das so ist in den Naturwissenschaften: Einmal eine Regel aufgestellt, fanden sich sogleich auch mannigfaltige Belege ihrer Evidenz. Von der Fruchtfliege Drosophila (jede geplagte Biologieschülerin erinnert sich leidvoll) über die Platterbse bis zum Homo Sapiens Sapiens,  alle  alle waren sie gleich. Und besser noch: Nicht nur gleich, sondern gleicher zugleich:  Von dominant bis rezessiv reichten die Spielarten, was dem einen  zum Legat für so manche aggressive Auswucherung, der anderen als ultimativer Beweis ihrer ewigen kosmischen Unterlegenheit gelten musste. Und die Welt war wieder in Ordnung ...

Was für das Ende des 19. Jahrhunderts noch als nette botanische Spielwiese für vom ewigen Gottesschöpfer gelangweilte Mönchsgärtner durchgehen konnte, wurde dann aber schon bald eine ernste Sache: Die Genetik hielt ihren Einzug und mit ihr die Überzeugung, dass es mitnichten nur unser Geschlecht sei, welches vom Strickmuster festgelegt sei: Von der Haarfarbe bis zur Intelligenz, von Rassenzugehörigkeit bis hin zur Frage, ob es uns denn bestimmt sei, als MassenmöderIn in Quantico zu landen – alles das ließe sich mit einiger Mühe und modernster Computertechnologie errechnen. Aus einem X wurde ein U, und die uralten Orakeltechniken in den Untergrund verwiesen. Wer braucht denn auch noch Tarot, Pendeln oder Hellsehen, wenn es rechnerbasierte Wahrscheinlichkeitshypothesen gab? Eben.

Ja, wie das so ist mit dem menschlich-forschenden Geist! Soeben einen Berg bezwungen, lockt schon der nächste Gipfel mit ungeahnten Belohnungen für den der munter voranschreitend keine Mühen scheut! Hatte also Mendel eben noch behauptet, Weibchen wären die mit den zwei X und Männchen die mit dem Y und nur einem X, so wurde die Sache Anfang des 21. Jahrhunderts schon schwieriger. Am Horizont tauchten die Autosomen auf die sich, wie es ihr Name schon sagt, leider nichts so chromosom benahmen wie ihre etwas gefestigteren Verwandten. Plötzlich gab es Abweichungen, Multiplikationen, Variationen. Wobei wir Menschen noch eher zu den konservativen unter den Somanten gehören, weit abgehängt von Lichtnelke und gemeiner Blumenzwiebel, denen es viel häufiger gefällt, allen, die auf eine eindeutige Festlegung beharren eine lange Nase oder – besser gesagt – eine neue Wurzel zu drehen. Warum nicht mal ein weibliches Männchen sein – oder ein weiblich-weibliches Weimänchen?
Im Kosmos wahrscheinlich eine recht häufig vorkommende Verspieltheit mit der lediglich eine auf Bierernst angelegte „Natur-„Wissenschaft ihre Probleme hat.  Wo sollte das denn auch hinführen außer ins Chaos, wo dann jede nicht nur machen kann, was sie will, sondern ein Weibchen womöglich als Männchen durchgehen kann? Beim Teutates, das galt es zu verhindern ...

Es ist doch von einer einzigartigen und tiefen Befriedigung, dass es immer wieder diejenigen Technologien sind,, ursprünglich ersonnen zur Festigung von höchst einseitigen Vorherrschaftsansprüchen, die selbige in Bälde und für alle gut sichtbar ad adsurdum führen. Ob Internet oder Genetik, was einst als Siegeszug über den dämlichen Rest ersonnen wurde entfaltet schwupps seine autosomale Logik und macht sich unabhängig. Vielfältig. Und ist damit an Intelligenz, Strategien und Zielstrebigkeit jeder kleinlichen Planung nach Längen überlegen ...

Aber kommen wir zurück zu Caster Semenya., der Frau mit dem weiblich-ungewohntem Vornamen und Leistungsrekord. Ganz offensichtlich nutzt ihr ja wenig, was moderne Genetik und Differenzfeminismus in seltener Einigkeit  schon seit längerem nicht müde werden zu behaupten: Geschlecht ist Differenz auf der Basis einer gemeinsamen Ausgangssituation. Was so gleich scheint, ist eigentlich eben doch: anders.

Wieso also kann eine nicht Frau sein, biologisch oder weil es ihr eben so gefällt – und herausragende sportliche Leistungen erbringen? Liegt es vielleicht daran, dass der Sport die letzte Enklave patriarchaler Männlichkeit ist, in der die guten alten Gesetzte von Dominanz, Stärke und Unterlegenheit noch nicht ihre Gültigkeit verloren haben?! In der ein Mann noch ein Mann unter seinesgleichen ist?

Das wäre sicher ein überlegenswerter Einwand, wäre es nicht gerade eben umgekehrt: Caster Semenya ist zu gut für eine Frauendisziplin, jenem letzten Schonraum, den das Patriarchat erfunden hat, als Frauen auch im Sport mitspielen wollten. Darf eine Frau, die eigentlich keine (mehr) ist, Anspruch erheben auf das Modell „weibliche Sonderbehandlung“, frei nach dem Motto : Frauen und Kinder zuerst? Ist die Schonzeit also rum, weil wir Gleichheit wollten? Und welche verdammt noch eins hat denn überhaupt jemals darauf beharrt, als Erste von Bord gehen zu dürfen? Und wie würde es wohl ausgehen, das „Spiel“ zwischen den Kickereleven aus dem blau-weiß kariertem Ländle und den Frauen, die immerhin schon wieder Fußball-Weltmeisterinnen geworden sind?!

Also geht es weniger um die Frage, ob eine Frau ein besserer Mann sein kann und deshalb zweifelsohne ein Mann sein muss, wenn sie besser ist, als es die Herren Prüfer für den „Damensport „vorsehen, sondern um die Frage: Brauchen wir ihn noch, den Frauensport? Springen Männer wirklich höher, laufen weiter und kämpfen härter?
Interessanterweise gab es die ersten Fälle, in denen Sportgremien Geschlechtstests verlangten in Zeiten der überragenden Siege russischer Sportlerinnen. Und natürlich verlangten sie ihn nur bei Frauen, Wäre ja auch zu blöde, wenn Lothar, David oder Michael S. jedes Mal zum Pimmel-Test antreten müssten wenn sie mal wieder ein Spiel vergeigt hätten. Nein, ein schlechter Mann ist immer noch ein Mann. Prekär wird’s erst, wenn Frauen besser werden als die guten unter den Jungs. Ergo kann eine gute weil bessere Frau nur eines sein: Ein Mann. Im Röckchen, versteht sich.

Doch die WM- und Meister sonstiger Hochleistungsbehörden vergaßen bei all ihren Überlegungen eine wichtige Frage: Welches Interesse sollte ein Mann in einer patriarchalen Welt haben, als Frau durch zu gehen? Und vor allem: Was in Sachen Klamotten, Sex und Tabledancing ja vielleicht noch nachvollziehbar ist, macht im Sport wenig Sinn. Allenfalls ließe sich noch eine DragQueen mit Namen David Beckham denken – doch die Navratilowa als Transvestit?! Und noch dazu lesbisch?! You name it.
Wenn Frauen also heute ebensoviel Geld verdienen können wie Männer, die besseren Pilotinnen sind und sogar als Foltermägde in neumodischen Hochsicherheitstrakten eine gute Figur machen – dann ist der Sport die letzte Bastion, wo Männer Männer und Frauen Frauen bleiben sollten damit die Welt nicht vollens aus den Fugen gerät. Wenigstens wenn es um die uralte Mähr der überlegenen körperlichen Kraft geht, soll die Lehre rein und der Sportplatz sauber bleiben.

Nur gehen eben den Bewahrern des ewig Gestrigen langsam die Argumente aus. Und nur so lässt sich erklären, warum es nicht ausreicht, Caster Semenya ins Höschen zu schauen. Die könnte ihn sich schließlich abgeschnippelt haben.  Nur, um zu den Gewinnern des 21. Jahrhunderts zu gehören. Und eben nicht mehr zu denen, deren letztes Stündlein geschlagen hat, weil sie sich die eigene Grube so tief gebuddelt haben: Den Jungs vom Fußballplatz Nummer Sieben. Denn ehrlich mal, lieber Franz, lieber Dieter, lieber Klaus: Welche möchte ausgerechnet heute noch ein Mann sein?
Wenn wir heute auf die Welt übertragen, was die GenetikerInnen schon lange wissen, dass nämlich selbst das biologische Geschlecht ungefähr so variabel ist wie die Farben einer Tulpe, dann wird es schwierig ein System aufrecht zu erhalten, dass auf starren Grenzen aufbaut. Das Patriarchat braucht eindeutige Zuordnungen und Grenzen, die nicht überschritten werden können. Und bringt doch immer wieder Systeme hervor, die eben nichts anderes belegen können, als das, was eh schon offensichtlich ist: Es lebe der kleine Unterschied!

Tja, ein Gutes hat die Sache zumindest: Das nächste Mal, wenn die Schlange vorm Frauenklo wieder so lang ist wie letztens werde ich gleich aufs Männerklo gehn. Das erspart mir dann zumindest die Ausrufe von ein paar erschrockenen Damen, hier sei das Frauenklo und ich falsch. Vielleicht versuche ich es dann mal damit: „Entschuldigung meine Damen und Herren, dass hier ist das Klo für Gemischt-Geschlechtliche. Dürfte ich mal in ihr Höschen und in ihren DNA-Nachweis schaun – nur um sicher zu gehen, dass Sie nicht in die Irre gehn.“ Wäre ja auch noch schöner.

Also, probieren Sie doch mal was anderes,

es grüßt Sie herzlichst, Ihre

Emma